„Bewusst genießen statt verzichten“ – Werner Retter über die Zukunft natürlicher, alkoholfreier Getränke
Immer mehr Menschen entdecken den Genuss ohne Alkohol – nicht nur im „Dry January“. Einer, der diesen Trend seit Jahrzehnten mitgestaltet, ist Werner Retter vom Obsthof Retter. Der leidenschaftliche „Fruchtscout“ spricht im Interview über seine Philosophie „Wir haben der Natur nichts hinzuzufügen“ – und darum, warum alkoholfreie Drinks längst das Zeug zum Kultgetränk haben.
Haben Sie schon einmal den Dry January ausprobiert? Wie waren Ihre Erfahrungen?
Ich trinke allgemein nicht viel und nicht regelmäßig. Ich genieße ab und zu ein gutes Glas Wein. Mehrmals im Jahr lege ich Fastenzeiten an. Aber das ist unabhängig vom Kalender – bestimmt war da auch mal ein Jänner dabei.
Spielen saisonale Anlässe (Weihnachten, Sommerfeste, Grillzeit) eine besondere Rolle für alkoholfreie bzw. -reduzierte Angebote? Merken Sie einen Unterschied im Dry January?
Wir merken definitiv den Dry January in unserem Unternehmen. Das gilt sowohl für die Gastronomie, die rechtzeitig größere Mengen bestellt, als auch bei unseren Endverbraucherbestellungen.
Was unterscheidet Ihre Säfte oder Kreationen von herkömmlichen Softdrinks oder industriellen Saftmischungen?
Wir verwenden Früchte und Beeren aus Bio-Anbau, die dann auf schonende Weise erstgesaftet werden. Das ist die Kraft der puren Natur in der Flasche. Wir arbeiten immer gemäß unserer Überzeugung „Wir haben der Natur nichts hinzuzufügen“.
Industrielle Säfte und Mischungen enthalten oft Wasser, schlimmstenfalls sogar Zucker, günstige Fruchtqualitäten und werden in der Regel mit Eiweiß geklärt und gefiltert. Bei uns bekommen sie ungezuckterte pure Naturessenz aus Früchten, Kräutern und Wurzeln.
Inwiefern spielt Handwerk, Regionalität oder Nachhaltigkeit bei der Entwicklung Ihrer Produkte eine Rolle?
Alle drei Kriterien spielen eine sehr große Rolle. Wir sind eine kleine Manufaktur, die durch ihre besonderen händischen Verfahren Früchte und Beeren so schonend saftet, dass Premiumprodukte entstehen.
Die Hirschbirne gilt als regionale Fruchtkönigin. Diese haben wir Anfang der 1990er wiederentdeckt und quasi zur Botschafterin einer steirischen Genusskultur entwickelt.
Und die Nachhaltigkeit zeigt sich bei uns vor allem durch unsere konzentrierten Produkte wie die BIO-Wurzelelixiere und die Shrubs (also Sirupe). Sie werden erst trinkfertig zu Hause mit Wasser gemischt. Das heißt bei uns wird kein Wasser durch die Gegend gefahren. Außerdem haben wir uns bewusst für Glasflaschen entschieden.

Inwiefern beeinflusst Ihr eigener Lebensstil Ihre Produktentwicklung?
Manchmal bezeichne ich mich als Fruchtscout und in Kombination mit meiner Ausbildung als Wildkräuter-Experte gelte ich ganz sicher als Naturfruchttüftler, immer auf der Suche nach dem puren Genuss.
Glauben Sie, dass sich das Verständnis von Genuss ohne Rausch verändert hat?
Ja, davon bin ich überzeugt. Und nicht nur die junge Generation Z tickt hier anders. Auch in meinem direkten Umfeld erlebe ich immer mehr gemütliche Treffen, die ganz normal ohne Alkohol stattfinden. Und genau das ist mein Wunsch: Jeder bestellt, was er möchte – ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Welche aktuellen Trends im Bereich alkoholfreier Getränke beobachten Sie derzeit?
Es gibt ganz klar einen Trend zu mehr Gesundheit. Das Bewusstsein wächst und viele wenden sich daher von gezuckerten Softdrinks zu natürlichen Getränken aus Früchten, Kräutern und Wurzeln.
In diesem Zusammenhang erleben wir täglich eine größere Nachfrage. Ein außergewöhnlicher neuer Trend ist das steigende Angebot von fermentierten Getränken. Das freut mich persönlich, weil man dadurch ein unglaublich spannendes Aroma erreichen kann.
International sind die Entwicklungen deutlicher als in Österreich. Die Schweiz ist deutlich weiter – und natürlich sind auch hier die Skandinavier absolute Vorreiter.
Was können wir von anderen Ländern lernen, wenn es um alkoholfreie Alternativen geht?
In Österreich und Deutschland ist der allgemeine Bier-, Wein- und Alkoholkonsum überdurchschnittlich hoch. Dagegen gibt es in den skandinavischen Ländern extrem hohe Steuern auf alkoholische Produkte. Dadurch werden in dieser Region seit Jahren viel schneller konsequent alkoholfreie Alternativen entwickelt und etabliert.
Glauben Sie, dass alkoholfreie Getränke ähnlich „kultig“ werden können wie klassische Weine oder Cocktails?
Definitiv. Sie haben sogar ein riesiges Potential. Denken Sie an Aperol, den „kultigen“ Aperitif, der in keiner Bar fehlt und ganz oft blind bestellt wird, wenn es keine Getränkekarte gibt. Aber kennen Sie ein adäquates alkoholfreies Gegenstück dazu? So etwas fehlt meiner Meinung nach bislang, denn leider fehlt vielen alkoholfreien Produkten die aromatische Tiefe.
Deshalb haben wir für unseren O’CIN Botanical pur free ‰ ein rein natürliches Produkt auf Wurzeln, Kräuter und Früchten auf Basis der Naturfermentation geschaffen. Außergewöhnlich und einzigartig momentan. Für mich hat O’CIN auf jeden Fall das Potenzial zum Kultgetränk.
Sollte die Gastronomie stärker auf alkoholfreie Alternativen setzen – und warum?
Auf jeden Fall sehe ich hier noch Verbesserungspotenzial. In vielen Gastwirtschaften gibt es außer den 3 – 4 Standardsäften nur Softdrinks als Alternative. Was für eine verpasste Chance! Es ist so einfach, eine 100 % natürliche Limo anzubieten.
Auch die Top-Gastronomie hat oft noch Luft nach oben. Sommeliers haben das Weinvirus im Blut. Das begründet sich in der Ausbildung. Aber heutzutage möchte auch der alkoholfrei trinkende Gast beraten werden und etwas Besonderes auswählen können.
Was bedeutet „bewusst genießen“ für Sie persönlich?
Das perfekte Foodpairing von guten Speisen und hochwertiger Speisenbegleitung ist für mich Hochgenuss. Die Naturaromen in alkoholfreien Bereichen sind oftmals sogar hochwertiger und komplexer.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der alkoholfreien Getränkekultur?
Spannende Kreationen, die nicht im Labor entstehen. Verbraucher, die sich informieren und auch mal die Zutatenliste lesen. Eine kreative Gastronomie mit ausgewogenem Angebot in der Getränkekarte.
Produkttipp

Der neue Geheimtipp der Barszene ist kraftvoll, aromatisch mit sweet, sour, spicy und bitter Noten.