Allgemein

Jugendliche und Alkohol: Wie Eltern richtig ins Gespräch kommen

11. Juni 2026

Spätestens in der Pubertät wird Alkohol für viele Jugendliche zum Thema – auf Partys, im Freundeskreis oder aus Neugier. Für Eltern ist das oft ein Balanceakt: zwischen Schutz und Vertrauen, zwischen klaren Regeln und offenen Gesprächen.

Isabella Kranacher arbeitet bei der Fachstelle für Suchtprävention VIVID. Im Interview erklärt sie, wie Eltern einen gesunden Umgang vermitteln können, ohne zu belehren oder abzuschrecken. Sie zeigt, worauf es jetzt ankommt – und wie Eltern ihre Jugendlichen stärken können.

Wie sprechen Eltern am besten mit ihren jugendlichen Kindern über Alkohol?

Spätestens in der Pubertät, wenn Alkohol im Freundeskreis oder bei Feiern vorkommt, ist es wichtig, ehrlich über Risiken, Gruppendruck und einen verantwortungsvollen Umgang zu sprechen. Dabei sollen Eltern auch ihre eigenen Werte und Grenzen klar formulieren. Gleichzeitig braucht es Raum für Fragen und Diskussionen. Jugendliche sollen sich sicher fühlen, ihre Gedanken zu teilen – ohne Angst vor Bewertung. Gespräche auf Augenhöhe stärken das Selbstwertgefühl und helfen, sich gegenüber Gruppendruck zu behaupten.

Was sind typische Fehler im Gespräch über Alkohol?

Ein häufiger Fehler ist ein belehrender Ton. Reine Verbote wie „Das darfst du nie machen!“ führen oft zu Widerstand. Auch übertriebene Warnungen können verunsichern, ohne wirklich zu helfen. Problematisch wird es auch, wenn Eltern widersprüchlich handeln – etwa selbst regelmäßig Alkohol konsumieren, ihn Jugendlichen aber gleichzeitig strikt verbieten. Glaubwürdigkeit entsteht durch Konsistenz im eigenen Verhalten.

Haben Sie konkrete Formulierungstipps für Eltern?

Zum Beispiel:

  • „Alkohol kann sich im Moment gut anfühlen, aber zu viel davon kann gefährlich werden.“
  • „Gerade in Gruppen ist es nicht leicht, Nein zu sagen. Umso wichtiger ist es, dass du weißt, was für dich passt.“
  • „Du kannst jederzeit mit mir sprechen – egal, ob du Fragen hast oder unsicher bist.“
  • „Es ist okay, Nein zu sagen, wenn dir jemand Alkohol anbietet. Du kannst selbst entscheiden, was für dich richtig ist.“

Und auch wichtig:

  • „Ich trinke manchmal Alkohol, aber bewusst und nicht regelmäßig. Mir ist wichtig, verantwortungsvoll damit umzugehen.“
  • „Wenn du irgendwann Alkohol ausprobierst, ist es gut, wenn du weißt, wie er wirkt – dabei unterstütze ich dich.“

Welche Rolle spielt Alkohol in der Pubertät aus psychologischer Sicht?

Die Pubertät ist eine Phase der Orientierung und Abgrenzung. Jugendliche suchen ihre Identität und wollen dazugehören. Alkohol kann dabei helfen, Hemmungen abzubauen oder sich „erwachsener“ zu fühlen. Gleichzeitig ist das Gehirn noch nicht vollständig entwickelt. Impulskontrolle und Risikobewusstsein sind eingeschränkt – das erhöht die Gefahr für übermäßigen Konsum.

Wie entsteht Gruppendruck in Bezug auf Alkohol?

In der Pubertät gewinnt die Peer-Gruppe stark an Bedeutung. Zugehörigkeit wird zentral – und Alkohol kann dabei als Symbol dienen. Gruppendruck entsteht oft indirekt: Jugendliche beobachten, was andere tun und passen sich an. Manchmal ist er auch direkt, etwa durch Aufforderungen oder abwertende Kommentare, wenn jemand ablehnt.

Welche Strategien helfen Jugendlichen, „Nein“ zu sagen?

Ein stabiles Selbstwertgefühl ist der wichtigste Schutzfaktor. Jugendliche, die ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen und Entscheidungen treffen können, sind weniger anfällig für Druck. Eltern können das fördern, indem sie:

  • ihre Kinder ermutigen, eigene Meinungen zu vertreten
  • Bedürfnisse respektieren
  • in der Familie offen und wertschätzend kommunizieren

Wie finden Eltern die richtige Balance zwischen Verboten und Vertrauen?

Das ist eine Herausforderung. Wichtig ist eine Kombination aus klaren Regeln und offener Kommunikation. Eltern sollten:

  • klare, nachvollziehbare Grenzen setzen
  • diese konsequent vertreten
  • Gesprächsbereitschaft signalisieren

Jugendliche müssen wissen, dass sie sich auch in schwierigen Situationen an ihre Eltern wenden können – ohne sofort negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Was tun, wenn Jugendliche erste Erfahrungen mit Alkohol machen?

Wenn ein Kind betrunken nach Hause kommt, ist es wichtig, ruhig zu bleiben. Zuerst sollte sichergestellt werden, dass keine akute Gefahr besteht. Ein Gespräch sollte erst stattfinden, wenn der/die Jugendliche wieder nüchtern ist. Dann gilt:

  • Nachfragen statt Vorwürfe
  • Zuhören
  • Eigene Sorgen klar benennen
  • Gemeinsam Vereinbarungen treffen

Wenn sich problematisches Verhalten wiederholt, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.

Woran erkennen Eltern problematischen Alkoholkonsum?

Wenn das Kind Alkohol als Bewältigungsstrategie für Stress oder Probleme nutzt, ist das ein ernstes Warnsignal. Achten Sie auf Stimmungsschwankungen, Rückzug, Gereiztheit oder plötzliches Desinteresse an Hobbies. Wenn das Kind durch Lügen oder Ausreden versucht, den Alkoholkonsum zu verbergen, kann das auf ein Problem hinweisen. Auch schulische oder soziale Probleme gilt es zu beobachten.

Welche langfristigen Auswirkungen kann früher Alkoholkonsum haben?

Das Gehirn entwickelt sich etwa bis zum 25. Lebensjahr. Alkohol kann diesen Prozess stören und langfristig die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Je früher regelmäßiger Konsum beginnt, desto höher ist das Risiko für Abhängigkeit, psychische Belastungen und gesundheitliche Schäden.

Wann sollten Eltern professionelle Hilfe in Anspruch nehmen?

Wenn Eltern merken, dass Gespräche nicht mehr ausreichen, sich die Situation zuspitzt oder sie sich überfordert fühlen, ist es sinnvoll, Unterstützung zu holen. Beratungsstellen helfen dabei, die Situation einzuordnen und konkrete nächste Schritte zu entwickeln – für Eltern und Jugendliche gleichermaßen.

Aktuelle Beiträge


Alle anzeigen