„Menschen unter Alkoholeinfluss sind für mich kein sicheres Umfeld“: Im Gespräch mit Jennifer Berger
Jennifer Berger ist Restaurantleiterin im Haubenrestaurant Fontana. Sie ist Gastgeberin aus Leidenschaft in der gehobenen Gastronomie – und trinkt sehr selten Alkohol. In unserer Rubrik „Sober Stories“ stellen wir regelmäßig Menschen vor, die sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol entschieden haben und das auch offen leben.
Warum haben Sie den Entschluss gefasst, fast keinen Alkohol mehr zu trinken?
Meine Mutter war Alkoholikerin. Menschen unter Alkoholeinfluss sind für mich kein angenehmes, sicheres Umfeld. Ich habe deshalb auch auf Partys, mit Freundinnen und Freunden etc. nie getrunken. Dazu kommt, dass es nur sehr wenig Alkohol gibt, der mir schmeckt. Es ist also kein Verlust für mich, zu verzichten.
Wie reagieren andere Menschen darauf, dass Sie nicht trinken?
Endlich ist das Alter vorbei, in dem alle automatisch fragen, ob ich schwanger bin! Inzwischen wurde die Frage ersetzt durch die ungläubige Aussage „Und das in der Gastronomie? Welcher Wirt trinkt denn nicht?!“ Die Antwort ist einfach: Ich.
Fällt es Ihnen leicht, in Österreich alkoholfrei zu leben?
Mein erster Impuls ist „Ja, sehr“, aber wenn ich darüber nachdenke, merke ich: Man muss sich schon oft durchsetzen, ablehnen, erklären. Wenn mir aber zum Beispiel jemand als nette Geste ein Glas Sekt an den Tisch schickt und ich ablehne, tut es mir auch um die nette Geste leid und ich fühle mich ein bisschen undankbar.
Wie schätzen Sie den Umgang mit Alkohol in Österreich ein?
Ich bin in einer Generation großgeworden, in der man – frei nach Reinhard Fendrich – mit „6 Vierteln do ned angsoffen is“. Bier zum Gulasch, Rotwein zum Gesellig sein. Die Menschen trinken oft nicht nach Genuss, sondern nach „Kann ich danach noch fahren?“
Merken Sie einen Wandel in Österreich?
In unserer Art der Gastronomie noch nicht wirklich, aber die Nachtgastronomie merkt es auf jeden Fall. Junge Menschen trinken weniger, bewusster, hören mehr auf ihren Körper.
Für welche Alternative entscheiden Sie sich, wenn Sie abends in eine Bar gehen?
Ich mag alkoholfreie Cocktails sehr gerne. Sobald etwas mit Minze und Limette auf der Karte steht, bin ich dabei.
Was trinken Sie zu Silvester? Oder wenn Sie auf etwas anstoßen?
Anstoßen kann man mit allem in einem schönen Glas. Ich habe meistens Holunder-Soda im Sektglas, das prickelt und ist hübsch.
Was ist Ihr Lieblingsessen und was trinken Sie am liebsten dazu?
Penne Amatriciana mit Holundersoda mit frischer Minze und einem Spritzer Limettensaft.
Wie beurteilen Sie die Initiative „Weniger Alkohol – Mehr vom Leben“?
Gerade in der Gastronomie haben wir Verantwortung. Für junge Menschen, für bereits alkoholisierte Gäste, für Autofahrerinnen und Autofahrer, für nicht-trinkende Gäste, die in der Freundesrunde nicht unangenehm auffallen oder verspottet werden möchten. Jede Initiative, jeder Schubs in eine entspannte alkoholfreie Richtung ist gut. Nichts erzwingen oder verbieten, aber alles ermöglichen. Alternativen sind wichtig.
Was möchten Sie skeptischen Menschen gerne mitgeben?
Innenschau ist wichtig, auch wenn sie weh tut. Wenn du nur mit Alkohol Spaß haben und lustig sein kannst, wie viel ist dein Spaß dann wert? Es geht bei den meisten Menschen nicht um den kompletten Verzicht, sondern um einen bewussten Umgang. Viele von uns haben den verlernt, vergessen oder verdrängt. Lieber der inneren Stimme zuhören, als sie mit Alkohol zum Schweigen zu bringen.