Alkohol im Betrieb – ein Expert*innen Talk, Teil 1

Wie kann betriebliche Alkoholprävention aussehen und wie erfolgreich kann sie sein? Warum sollte sich jeder Betrieb damit auseinandersetzen und welche Auswirkungen hat es, wenn Mitarbeiter*innen einen problematischer Umgang mit Alkohol haben? Die Initiative „Weniger Alkohol – Mehr vom Leben“ (MvL) hat drei steirische Suchtexpert*innen für betriebliche Alkoholprävention zum Gespräch gebeten.

MvL: Warum ist betriebliche Alkoholprävention wichtig?

Barbara FLUCH: Laut Statistik passiert jeder dritte Arbeitsunfall unter Einfluss von Alkohol. Wobei schon bei geringer Alkoholisierung (Restalkohol) die Risikobereitschaft steigt und die Reaktionsfähigkeit nachlässt. Alkoholprävention in Betrieben ist gegenwärtig einfach der wirksamste Weg, um die erwachsene Bevölkerung mit gezielt vorbeugenden Maßnahmen zum Thema Alkohol zu erreichen. Am Arbeitsplatz kann man systematisch über Alkohol aufklären – über die Wirkung und problematische Konsummuster. Man erreicht hier einfach die Menschen.

Barbara SUPP: Übermäßiger Alkoholkonsum ist ein Thema, das Menschen belastet – nicht nur Betroffene, sondern auch Kolleg*innen und Führungskräfte – und sich massiv auf das Betriebsklima auswirken kann. Alkoholabhängigkeit ist zudem eine Erkrankung, die sehr verbreitet ist. In der Steiermark gibt es über 50.000 alkoholkranke Menschen und geschätzt 125.000 Menschen, die durch ihren Alkoholkonsum gesundheitlich gefährdet sind. Wenn man auch die Angehörigen mit einbezieht, sind es noch mehr Menschen. Es ist ein großes Thema, das zudem hochemotional ist. Betriebe wissen oft nicht, wo sie ansetzen sollen und was sie tun sollen. Es stellen sich viele Fragen: Soll man es ansprechen? Was darf man sagen, denn eigentlich ist es ja ein privates Thema – was in der Form nicht stimmt, da sich letztendlich das Konsumverhalten ja im Betrieb auswirkt (Leistung, Unfälle etc.).

Manfred GEISHOFER-GOSCH: Der Arbeitsplatz ist für die meisten Menschen sehr wichtig und hat, im Gegensatz zur Familie, oft ein hohes präventives Potenzial. Arbeitgeber*innen können mit Verhaltensprävention viel erreichen und auch am Einzelfall ansetzen. Betriebliche Alkoholprävention ist eine Win-Win-Situation für Betriebe und die Belegschaft. Man sagt, dass ein investierter Euro in Suchtprävention vier Euro zurückbringt. Es ist also auch eine wirtschaftliche Rechnung, die da aufgeht.

Barbara FLUCH: Das stimmt, auch weil sich die Herangehensweise in der betrieblichen Prävention verändert hat: Früher hat man nur die suchtgefährdeten Personen quasi herausgefiltert, heute richtet man sich an alle Mitarbeiter*innen, auch an die unauffälligen. Die Programme laufen unter dem Dach der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention und erreichen so die gesamte Belegschaft.


© barbarafluch.at

DSP Barbara Fluch ist Psychotherapeutin und Sozialpädagogin. Sie war Leiterin einer stationären Therapieeinrichtung der Caritas und hat dort eine Strategie zum Thema Alkohol im Arbeitsumfeld der Caritas – als Vorbereitung auf eine Betriebliche Suchtpräventionsstrategie – mitentwickelt. Derzeit ist Fluch in freier Praxis für Psychotherapie, Supervision und Coaching tätig.

Barbara Fluch, Praxis für Psychotherapie und Coaching


Barbara SUPP: Zu unseren Aufgaben gehört es, Ängste und Sorgen anzusprechen und zu schauen, was man im Betrieb konkret tun kann. Suchtproblematiken betreffen viele Ebenen: Die Ebene des Miteinanders, der Leistung, der Sicherheit und dann ist da noch die rechtliche Ebene, z.B. Haftungsfragen bei Arbeitsunfällen. Betriebliche Alkoholprävention ist zu einem wesentlichen Teil auch Unternehmenskultur-Arbeit. Das braucht Zeit. Wenn aber ein Kulturwechsel einmal im Gang ist und gelebt wird, sieht man, dass neue Mitarbeiter*innen mit einem ganz anderen Verständnis ins Unternehmen reinkommen.

MvL: Welche Auswirkungen hat es auf einen Betrieb, wenn ein Mitarbeiter ein Alkoholproblem hat?

Manfred GEISHOFER-GOSCH: Spiegeltrinker*innen bleiben sehr lange unauffällig, haben aber ein hohes Risiko, körperlich zu erkranken oder einen Arbeitsunfall zu erleiden. Ihre Reaktionszeit ist beeinträchtigt, ihre Leber und das Nervensystem durch den oft jahrelangen riskanten Alkoholkonsum geschädigt. Andere wiederum können ihren Konsum nicht kontrollieren und fallen dadurch schneller auf, weil sie den Betrieb stören. Das Team neigt in der Regel dazu, Probleme zu kaschieren und Betroffene zu schützen. Das geht aber nicht lange gut, weil die Kolleg*innen irgendwann nicht mehr bereit sind, die Arbeit der betroffenen Person mitzumachen. Das kann dann zur Folge haben, dass die Situation irgendwann eskaliert und es zur Entlassung oder Kündigung kommt.


© Foto privat

Manfred H. Geishofer-Gosch ist Vorstandsvorsitzender der b.a.s. – Steirische Gesellschaft für Suchtfragen, Psychotherapeut (ECP) und Supervisor in freier Praxis. Von 1999 bis 2017 war er Gesellschafter von DELPHIn – Arge Betriebliche Gesundheitsförderung mit dem Schwerpunkt Konzeption, Prozessbegleitung und Schulung im Rahmen von Projekten der Betrieblichen Suchtprävention.

Manfred Geishofer-Gosch, Praxis für Psychotherapie, Beratung und Supervision


Barbara FLUCH: Das sogenannte Co-Verhalten, früher hieß es Co-Abhängigkeit, ist wirklich ein großes Problem. Wenn jemand eine Suchtproblematik hat, wirkt sich das immer auch auf die Personen im Umfeld aus. Diese beginnen oft, das ganze System zu unterstützen, indem sie verschleiern oder ein schlechtes Gewissen haben. Kolleg*innen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, weil es schwierig ist, das Thema anzusprechen. Wird geschwiegen, kann auch der*die Arbeitgeber*in ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen. Das sind die Auswirkungen auf der persönlichen Ebene. Und es hat natürlich auch ganz konkrete Auswirkungen auf der betrieblichen bzw. der wirtschaftlichen Ebene: Wie Kollegin Fluch bereits am Anfang betont hat, passiert ca. jeder dritte Arbeitsunfall unter Alkoholeinfluss bzw. Restalkohol. Und es kommt auch zu vermehrten Krankenständen.

MvL: Sind gewisse Branchen besonders häufig betroffen?

Manfred GEISHOFER-GOSCH: Prinzipiell gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Branchen. Das Klischee von der Kiste Bier auf der Baustelle gibt es nicht mehr – hier hat sich durch Bewusstseinsbildung viel getan. Auch zwischen Berufsgruppen kann man nicht unterschieden. Alkoholsucht kann jeden treffen, von dem*der Arbeiter*in bis zum*zur Akademiker*in. Ein Faktor ist allerdings, ob viele Männer in der Belegschaft sind, der Frauenanteil bei Alkoholkranken ist geringer.

Barbara SUPP: Wir sehen aber auch, dass der Durchschnittskonsum bei Frauen steigt und bei Männern langsam zurück geht. Unterschiede gibt es auch beim Alter der Mitarbeiter*innen. Bei Lehrlingen etwa ist der Zugang anders, sie stehen am Anfang ihrer „Konsumkarriere“. Suchtvorbeugung im Jugendalter setzt hier an und begleitet junge Menschen dabei, im betrieblichen Kontext ist hier z.B. die Vorbildwirkung der älteren KollegInnen gefragt, dass es Hilfsangebote gibt usw. . Gesamt-betrieblich gesehen, ist mit den durch die Covid-Pandemie bedingten Folgen der Kurzarbeit und drohender Arbeitslosigkeit der Druck und Stress auf die Mitarbeiter*innen sicher gestiegen und das kann u.a. ein Risikofaktor sein. dass z.B. Alkohol aus Langeweile oder um Sorgen, Probleme zu vergessen, konsumiert wird. Hier ist insbesondere die Betriebliche Gesundheitsförderung mit Angeboten für die psychische Gesundheit gefragt. Das sollte man in diesen, für uns alle schwierigen Zeiten mitbedenken.


© Barbara Supp, Sissi Furgler Fotografie

Mag.a Barbara Supp setzt sich als Psychologin, Unternehmensberaterin und Supervisorin seit über 15 Jahren mit vielfältigen Themen der Arbeitswelt auseinander und unterstützt Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung innerbetrieblicher Programme, z. B. zur Betrieblichen Suchtprävention, Gesundheitsförderung sowie Team- und Organisationsentwicklung.

Barbara Supp, Psychologin & Geschäftsführerin von BLUE MONDAY

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