Auf Alkohol verzichten mit Genuss: Im Gespräch mit Edith Hornig

Die internationalen Trends „Sober curious“ (zu Deutsch „nüchtern, aber neugierig“) oder „Sober Lifestyle“ beschreiben einen Lebensstil, bei dem Menschen sich bewusst für den Verzicht auf Alkohol entscheiden – aus den unterschiedlichsten Gründen. Was den Trend ausmacht, ist, dass der Verzicht auf Alkohol positiv besetzt ist. Es geht nicht darum, dass Alkohol schlecht ist, aber auch mal nichts zu trinken, muss in Ordnung sein! Deswegen stellen wir Ihnen in unserer neuen Rubrik „Sober Stories“ ab sofort regelmäßig Menschen vor, die sich dazu entschieden haben, alkoholfrei zu leben.

Den Anfang macht Edith Hornig, Honorarkonsulin für Sri Lanka und Präsidentin Soroptimist International Austria, Club Graz Rubin

Frau Hornig, Sie unterstützen mit Charity-Aktionen immer wieder Initiativen, wo das Thema Alkohol eine Rolle spielt. Wie kommt es dazu?

Das Thema Alkohol ist mir sowohl auf einer persönlichen als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene besonders wichtig. Alkohol betrifft alle Teile der Gesellschaft und die meisten von uns kennen auch direkt im persönlichen Umfeld jemanden, der*die ein Problem damit hat bzw. wo der Konsum zumindest riskant oder bedenklich ist. Leider ist Alkohol nach wie vor ein Tabuthema und es wird öffentlich viel zu wenig darüber gesprochen. Aus Überforderung schauen Familie und Freunde oft weg. Das ist schade, gerade weil Alkoholsucht eine Krankheit ist, die sehr gut behandelt werden kann und man bereits im Vorfeld präventiv einiges tun kann, damit es erst gar nicht zu einer Erkrankung kommt.

Als ich noch Geschäftsfrau war habe ich mich sehr für das Thema „Responsible Drinking“ eingesetzt. Auch aus einem ganz konkreten Anlassfall: Vor rund 20 Jahren gab es in Graz eine Mystery Shopping Aktion, wo man Jugendliche in Supermärkte geschickt hat, um Alkohol einzukaufen. Bei der Nachbesprechung saßen wir alle mit sehr langen Gesichtern, weil jede Supermarktkette für sich ein gleich schlechtes Ergebnis hatte. Wir wurden teilweise verantwortlich dafür gemacht, dass die Jugend so viel Alkohol trinkt. Ich habe dann die Aktion „Sei keine Flasche“ ins Leben gerufen – die sehr lange auch von der Wirtschaftskammer und namhaften Lebensmittelketten mitgetragen und von öffentlichen Institutionen gefördert wurde – um den Jugendschutz zu unterstützen. Man muss bei den jungen Menschen ansetzen und sie sensibilisieren und informieren. Denn Alkohol ist eine Droge und oft der Eintritt für den Konsum anderer Suchtmittel.

Ich unterstütze im Rahmen meiner Charity-Arbeit auch Einrichtungen für die Suchthilfe, wie den Verein b.a.s. [betrifft abhängigkeit und sucht], die Beratungsstellen in der ganzen Steiermark haben und hier vor allem suchtkranke Frauen, die sich dafür entscheiden, eine Therapie zu machen.

Welche Rolle spielt(e) Alkohol in ihrem Leben?

Ich war in jungen Jahren selbst von einer Suchterkrankung betroffen und führe nun seit 21 Jahren ein neues, alkoholfreies Leben. Der Beginn war, wie für Suchterkrankungen typisch, schleichend. Das ist nichts, was von heute auf morgen passiert. Als Geschäftsfrau war ich auf vielen Veranstaltungen und Terminen, und da Alkohol in unserer Kultur sehr verankert ist, war es völlig normal, ein Gläschen Prosecco hier und da zu trinken. Es wird auch vom Umfeld nicht so wahrgenommen, wenn man regelmäßig trinkt, weil Alkohol Teil des gesellschaftlichen Lebens ist und einfach immer da ist. Ich habe lange nicht bemerkt, dass ich ein Problem damit hatte. Wenn ich in der Zeitung etwas über Alkoholsucht gelesen habe, habe ich das eigentlich sehr schnell zur Seite gelegt. Ich habe Informationen unbewusst vermieden, um mich der Situation nicht stellen zu müssen. Dazu kam, dass ich mich nach dem Alkoholkonsum auch immer gut und schnell erholt habe. Also ich hatte keine gesundheitlichen Probleme, weil mein Lebensstil abseits vom Alkohol eher sportlich und gesund war.

Schließlich wurden die Abstände zwischen dem Alkoholkonsum immer kürzer und der Konsum immer kräftiger. Alkohol wurde für mich zum „guten Freund“. Ein „Helfer in der Not“, der mich – je nach Bedarf – ruhig gemacht oder beflügelt hat. Ich habe, wie viele Frauen, auch oft heimlich getrunken.

Der erste Schritt ist immer der Schwierigste, nämlich sich einzugestehen, dass man ein Problem hat und Hilfe braucht. Aber der erste Schritt ist der wichtigste und größte Schritt. Das ist vielen oft nicht bewusst. Erst dann folgen weitere Schritte, die auch wichtig sind, wie z. B. den*die richtige*n Therapeuten*in zu finden. Ich war acht Wochen stationär und dann in ambulanter Therapie. In meiner Therapie habe ich auch viele Gespräche mit Gleichgesinnten bzw. anderen Betroffenen gesucht. Da merkt man, Alkohol betrifft alle Teile der Gesellschaft, vom*von dem*der arbeitslosen Hilfsarbeiter*in bis hin zum*zur Universitätsprofessor*in und zum*zur erfolgreichen Unternehmer*in.

Durch die Therapie bin ich auch charakterlich gewachsen und sie hat mir geholfen ein neues, stärkeres Ich zu finden. Ich habe gelernt, keine Angst mehr vor Herausforderungen zu haben, sondern sie anzunehmen und mir zu sagen „Es wird schon gehen“! Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Leben so positiv verändert. Ich bin schon sehr stark aus der ganzen Sache herausgestiegen. Auch für viele Herausforderungen, die dann noch gekommen sind. Ich hätte mir damals auch meine berufliche Zukunft als Konsulin nie vorstellen können.

Was bedeutet für Sie ein bewusster Umgang?

Ich bin auf Grund meiner Tätigkeit nach wie vor viel in Gesellschaften und auf Veranstaltungen. Die erste Frage lautet da zumeist: „Ein Glas Sekt oder Sekt-Orange?“. Und meine Antwort darauf ist: „Danke, ich trinke nur Wasser. Aber bringen Sie es mir in einer Sektflöte, dann schmeckt es gleich viel besser“! Meistens ist es damit erledigt, wenn doch jemand nach dem Warum fragt, sage ich, dass ich bemerkt habe, dass Alkohol mir nicht so guttut. Ich habe zwar gelernt, offen über meine damalige Erkrankung zu sprechen; ich muss es aber auch nicht jedem*r auf die Nase binden. Es ist eher die Ausnahme, dass jemand fragt „Wieso, hast du ein Problem damit“? Wenn ich dann „Ja“ sage, weiß die Hälfte der Menschen nichts mehr darauf zu sagen. Mittlerweile kann ich gut damit umgehen und finde die verdutzten Gesichter der Leute sogar amüsant.

Ich möchte aber an dieser Stelle ausdrücklich betonen, dass ich nicht gegen Alkohol per se bin. Alkohol ist in Österreich hoch kultiviert, ein wichtiger Wirtschaftszweig, schafft Arbeitsplätze und er tut auch sehr viel für unsere Kultur. Alkohol ist ein ganz wunderbares Genussmittel und ein gutes Glas Bier oder Wein können ein gutes Essen total bereichern. Was wichtig dabei ist, ist ein sorgsamer Umgang. Verbote sind ganz furchtbar. Wichtig ist vielmehr sich zu fragen, wie gehe ich damit um?

Für mich war der richtige Weg, überhaupt keinen Alkohol mehr zu trinken. Auch Alkohol in Desserts vermeide ich bewusst. Ich habe mir von Anfang an nicht schwer dabei getan. Das war für mich selbst die größte Überraschung. Ich weiß, dass es in der Suchttherapie mittlerweile andere Ansätze gibt und absolute Abstinenz – je nach individueller Situation – nicht für alle das Ziel der Wahl ist.

Ich zelebriere es richtig, bei einer großen Veranstaltung einfach nur Wasser zu trinken. Denn „Es ist nicht wichtig, womit man anstößt, sondern mit wem man anstößt“!

Sie sind seit 2005 Honorarkonsulin von Sri Lanka? Unterscheidet sich der Umgang mit Alkohol dort sehr von Österreich bzw. der Steiermark?

In Sri Lanka ist Alkohol ein großes Problem und Alkoholismus weit verbreitet. Die Pandemie und die Arbeitslosigkeit haben das verstärkt. Das Land leidet sehr unter der Covid-19; Impfungen sind für einen Großteil der Bevölkerung nur sehr schwer zu bekommen. Alkoholprobleme gibt es vor allem bei Männern, aber auch Jugendliche sind betroffen. Es gibt keine genauen Zahlen und noch schlimmer, auch keine Hilfsangebote. Alkoholprävention gibt es gar nicht.

Die Trinkkultur in Sri Lanka unterscheidet sich sehr von unserer in Österreich. Bei uns ist Alkohol Teil der Kultur: Zu jedem Fest und jeder Feier werden alkoholische Getränke gereicht. Das ist in Sri Lanka nicht so, dort gib es eher Tee oder Wasser bzw. Säfte. Die Probleme, die das Land mit Alkohol hat, liegen vor allem in der hohen Zugänglichkeit und der psychologischen Funktion als „Seelentröster“. Schnäpse werden selbst gebrannt, um Alkohol zu bekommen muss man nicht in den Supermarkt gehen. Arbeitslosigkeit und schlechte Zukunftsaussichten verstärken den Konsum. Bei den Menschen gibt es oft zwei Extreme: Entweder sie trinken gar nichts oder aber zu viel.

Hat sich durch die Pandemie aus Ihrer Sicht der Alkoholkonsum in Österreich verändert?

Ich unterstütze als Präsidentin von Soroptimist International Austria, Club Graz Rubin die steirische Gesellschaft für Suchtfragen, b.a.s. [betrifft abhängigkeit und sucht], die Beratungsstellen in der ganzen Steiermark haben. Die Mitarbeiter*innen dort konnten beobachten, dass Leute, die allein lebten mit der Einsamkeit zu kämpfen hatten und teilweise mehr getrunken haben.

Ein weiteres Problem war, dass sich durch die Lockdowns das Trinken auch mehr in die eigenen vier Wände verlegt hat. Viele haben z. B. „Video -Parties“ gemacht, wo gemeinsam getrunken wurde. Alkohol konnte im Supermarkt leicht beschafft werden, außerdem günstiger als in Bars oder Restaurants.

Corona hat mit uns allen etwas gemacht, mit manchen mehr, mit anderen weniger. Durch die Isolation ist vieles aus den Menschen herausgekommen bzw. sichtbar geworden, was zuvor oft nicht wahrgenommen wurde. Alkohol war für viele sicher auch ein „Seelentröster“. Ich selbst wohne in einem Haus mit Garten und habe eine Familie – da kann ich mich wirklich glücklich schätzen. Aber viele Leute wohnen in einer kleinen 60 m2 Wohnung, haben Kinder, die zu Hause unterrichtet werden mussten und daneben noch Homeoffice…das hat die Menschen überfordert. Es war eine überfordernde Situation, das muss man sagen.

Wie beurteilen Sie die Initiative „Weniger Alkohol – Mehr vom Leben“ und ihre Bedeutung für die Steiermark?

Das ist eine hervorragende Sache! Ich kenne die Initiative schon viele Jahre und bin ihr eng verbunden. Im Rahmen meiner eigenen Projekte gebe ich dem Thema immer wieder gerne eine Plattform, zuletzt im Rahmen der 100-Jahr-Feier des Vereins „Soroptimist International Austria“, wo ich Präsidentin des Clubs Graz Rubin bin. Mit der Aktion >ROAD TO EQUALITY< haben wir dieses Jahr aufgezeigt, dass der Weg einer Frau in der Arbeitswelt oft mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist und da ist auch das Thema Alkoholprävention ein wichtiges Thema.

Der Name „Weniger Alkohol – Mehr vom Leben“ gefällt mir gut, weil er für die breite Basis steht, auf der die Maßnahmen aufgebaut sind. Ich finde den positiven Zugang wichtig. Es geht nicht darum Alkohol zu verbieten oder zu verteufeln, sondern um einen bewussten und genussvollen Umgang damit. Und das gelingt der Initiative sehr gut. Man merkt, dass in den letzten Jahren ein Umdenkprozess begonnen hat, auch seitens der Industrie. Die Zeit der sog. „Alkopops“ ist vorbei. Stattdessen gibt es heute wirklich tolle Getränke am Markt, die Menschen eine attraktive Alternative zum Alkohol bieten.